Interview: Tobias Blaser

Lesezeit: 20 Minuten

„Beim Tanzen kommt es auf den Blickwinkel an“

Ich treffe mich an der Bar im Hep Cat Club auf einen Plausch mit Tobias Blaser. Der hauptberufliche Fotograf ist als Tanzlehrer für Lindy Hop im Hep Cat Club tätig und unterrichtet an zwei bis drei Tagen in der Woche. Tobi, wie er von Schülern und Kollegen gleichermaßen genannt wird, ist ein typischer „Macher“, wie er in wohl jeder Community zu finden ist. Seine Energie ist ansteckend und seine Tanzkurse daher bei vielen Schülern besonders beliebt. Im Interview erzählt er, welche Ähnlichkeiten Lindy Hop und Fotografieren haben und warum er den Weekly Swing, einen wöchentlichen Social Dance im Nachtcafé, ins Leben gerufen hat.

Wie bist du denn auf Tanzen gekommen?

Ich habe vorher gar nichts getanzt – außer vielleicht im Club ein bisschen rumzuzappeln. Ich habe ein Video auf YouTube gesehen, die legendären 2011 ILHC Jack & Jill Finals. Ich fand das total toll und es ist mir Jahre im Kopf geblieben. Ich habe aber niemanden gefunden, der mit mir einen Kurs machen wollte. Hätte ich damals gewusst, dass ich keinen Tanzpartner brauche, um mich anzumelden! (lacht) Ich habe dann einen Gutschein geschenkt bekommen und einen Kurs in München gemacht.

Wie hat das Video auf dich gewirkt?

Ich hatte gar keine Ahnung. Ich fand die Musik cool, die Outfits, die Moves! Die haben sich gegenseitig angefeuert. Das war ein Miteinander. Dieses Gefühl, das die Tänzer rübergebracht haben, das habe ich so noch nicht gesehen. Aber ich wusste eigentlich nicht mal, was genau das ist. Ich habe dann den Tanz gegoogelt und mehr darüber erfahren. Aber mangels Partner habe ich nicht sofort einen Kurs besucht.

Ich bin von Anfang an – ich hatte einen Monat Kurserfahrung – direkt auf einen Social Dance gegangen. Ein Follower hat mich direkt zum Tanzen aufgefordert. Ich konnte nichts außer dem Grundschritt, He Goes und Circle, und das haben wir dann drei Tänze lang gemacht. Aber es war toll zu sehen, dass auch mit diesen einfachen Sachen ein Follower gut unterhalten ist. Und dann war ich sehr schnell viele Tage die Woche beim Tanzen.

Du hast trotz deiner damals noch kurzen Tanzkarriere schnell angefangen zu unterrichten. Wie kam es dazu?

Den ersten Workshop habe ich ein halbes Jahr nachdem ich angefangen habe, gemacht. Ich habe damals vom Rock That Swing gehört, erst viel später habe ich gemerkt, dass es ständig und überall Workshops gibt. Ich bin dann direkt in Salzburg auf einen kleinen Workshop gegangen. Da leckt man schon Blut, wenn man mal angefangen hat.

Nach den drei Monaten Tanzerfahrung in München bin ich nach Augsburg gekommen und habe direkt das ganze Programm gemacht. Tommy hat mich in den 2er-, 3er- und 4er-Kurs parallel gesteckt und daran geglaubt, dass ich das hinbekomme. Ich bin wirklich viel auf Social Dances gegangen – in Augsburg gab es damals ja noch nicht so viel –, aber ich bin bestimmt zweimal die Woche nach München gefahren, und gleichzeitig hier in Augsburg in jeden Kurs, der irgendwie in Frage kam. Ich habe dadurch viel Erfahrung gesammelt, denn ich habe ja doch 8 bis 9 Stunden in der Woche getanzt und dadurch auch viel Übung bekommen. Und Tommy hat dann auch sehr schnell gefragt, ob ich Lust habe zu unterrichten.

Nach noch nicht mal einem Jahr Tanzerfahrung begann Tobias Lindy Hop zu unterrichten. Und das mit Erfolg!

Wie hat es sich angefühlt, auf einmal Tanzlehrer zu sein?

Einerseits war ich klar nervös, denn man muss ja schon da vorne stehen und wissen, was man sagt. Trotz dem vielen Tanzen bin ich ja Neuling gewesen und man will ja den Leuten keinen Quatsch erzählen. Ich bin eine Menschenperson, ich mag es, vor Leuten zu stehen. Aber ich möchte schon, dass die Leute das Gefühl haben, dass man weiß, wovon man spricht. Ich hatte dann meinen ersten 1er-Kurs – mein eigener war ja nicht so lange her. Ich hatte ja erst vor einem Jahr angefangen und konnte mich noch sehr genau daran erinnern, wie das ablief, und hatte trotz der kurzen Tanzerfahrung schon ein paar verschiedene Lehrer gehabt. Daraus hab ich versucht, meinen eigenen Unterrichtstil zu bauen. Und im Unterricht ist man ja trotzdem man selbst.

Welche Kurse machen dir besonders viel Spaß zu unterrichten?

Ich mache ja mittlerweile von Level 1 bis 4 alles. Ich könnte nicht sagen, dass mir ein gewisses Level mehr Spaß macht. Es ist wahnsinnig wichtig, den Fortgeschrittenen zu helfen, mehr in ihre Technik einzutauchen. Und ihnen zu helfen, mehr zu Tänzern zu werden, ihnen tolle Technik an die Hand zu geben und ihr Tanzen zu verfeinern. Aber genauso wichtig ist es, an der Basis zu arbeiten und den Anfängern etwas zu geben. Ich hatte damals (in meinem Tanzkurs) nicht verstanden, was da vor sich geht. Viele Anfänger sind erst mal ängstlich, weil sie sich jetzt bewegen müssen vor jemandem, der das schon lange macht. Und dann sind da noch so viele andere Leute. Das ist eine völlig andere Sache. Und dann versuche ich denen natürlich hauptsächlich eine gute Zeit zu liefern.

Wie würdest du deinen Unterrichtsstil beschreiben?

Ich würde sagen, energetisch und trotzdem noch mit genug Technik. Genug Action, aber ich versuche auch, dass die Leute zum Tanzen kommen und auch viele gute Informationen erhalten. Und die sollen Spaß haben. Das ist die Hauptsache!

Nebenher organisierst du den Weekly Swing im Nachtcafé. Wie kam es dazu?

Ich war es von München so gewohnt, dass da ständig Veranstaltungen waren zum Tanzen. Als ich nach Augsburg gekommen bin, hat mir das wahnsinnig gefehlt. Wir hatten damals in Augsburg bestimmt hundert Tänzer, die Lust hätten zu tanzen. Also warum sollten wir so etwas nicht auch in Augsburg haben? Zum einen also der Aspekt, dass ich tanzen wollte, und zum anderen auch der Aspekt, dass ich glaube, dass es der Szene gut täte, auch mal außerhalb der Tanzschule zum Tanzen zu gehen. Die Szene ist ja nicht unbedingt die Tanzschule. Ich wollte, dass Menschen sich nicht nur hier wie im Klassenzimmer treffen, sondern auch wo anders ein Bier trinken können und sich kennenlernen. So entsteht Zusammenhalt und die Leute bleiben länger beim Tanzen. Ich glaube, das wird ultimativ auch der Szene helfen.

Was für ein Publikum trifft sich im Weekly Swing?

Der Weekly Swing ist immer mittwochs von 21.30 bis 24.00 Uhr. Der harte Kern kommt meistens. Aber viele wechseln auch durch. Man merkt, wenn zum Beispiel Semesterferien sind, dann sind weniger Studenten da; ist am nächsten Tag ein Feiertag, hat man die Arbeitstüchtigen da; ist es superheiß, dann sind generell weniger da, weil alle noch im Biergarten sitzen. Es ist also sehr gemischt und das ist auch sehr angenehm.

Verdienst du Geld mit dem Weekly Swing?

Ich habe davon nichts, außer vielleicht freie Getränke. Alles, was an Getränke eingenommen wird, gehört dem Nachtcafé. Und ich hatte auch niemals den Gedanken, damit Geld zu verdienen. Der Plan war, das so zu organisieren, dass man tanzen gehen kann, ohne Geld zu zahlen – vor allem weil wir auch viele jüngere Leute in der Community haben. Ich habe also einen Laden gesucht, der da mitspielt und zufrieden ist, dass wir trinken und dafür deren Tanzfläche verwenden.

Du hast ja auch mit Turniertanzen angefangen. Warum?

Ich glaube, ich wollte mich selber testen. Mich hat es wahnsinnig nervös gemacht, allein der Gedanke daran: vor Leuten zu stehen und zu tanzen. Ich glaube, jeder Tänzer ist zu einem gewissen Grad unsicher. Die allerwenigsten stellen sich vorne hin und sagen: „So, ich mach das, ich bin super!“ Jeder hat Selbstzweifel und denkt, er ist nicht gut genug, stellt sich selbst Hürden in den Weg. Aber ab und zu muss man auch mal ausbrechen und sich selber mal auf die Probe stellen: wenn man als Tänzer da alleine steht vor Hunderten Leuten und bei diesem Druck noch funktioniert, wenn alle einen angucken. Wenn man es dann noch schafft, außer einem Grundschritt noch was zu führen, hat man eigentlich schon gewonnen!

Es macht einfach wahnsinnig Spaß. Aber es ist auch ein ganz schöner Stress, bis es mal losgeht. Wenn man dann auf der Fläche ist, dann ist es superlustig. Es macht irre Spaß. Danach hat man so eine Euphorie. Ich fühle mich danach immer dreimal so gut. Da macht man Sachen, die wären einem alleine vorher auf der Bühne nicht eingefallen. Aber dann ist man völlig losgelöst und einfach nur noch glücklich.

Anmerkung: Das Video zeigt Tobias bei einem seiner ersten Finalteilnahmen auf einem Lindy Hop Jack & Jill beim SwingKultur Festival 2018 in der Kategorie „All Swing“.

Du bist ja beruflich Fotograf. Wie bist du da reinbekommen?

Ich habe International Management studiert. Fotografieren war immer mein Hobby. Während des Studiums habe ich mich dann selbstständig gemacht mit meinem Kollegen. Als ich mit dem Studium fertig war, hatten wir die Firma schon zwei Jahre. Und klar war es ein Risiko, aber ich bereue es keinen Tag, dass ich mich dann selbstständig gemacht habe.

Tobias bei der Arbeit: Er ist selbstständiger Fotograf für seine Firma Lichtwerk-Photograph

Gibt es Dinge aus dem Fotografieren oder Tanzen, die du nutzen kannst für das ein oder das andere? Siehst du Tanzen vielleicht auch anders, weil du fotografierst?

Das ist eine gute Frage. In beidem kommt es auf Blickwinkel an. Wenn ich den Tanz aus verschiedenen Blickwinkeln betrachte, da geht es um Connection, um Moves – verschiedene Aspekte, die man betrachten muss. Wegen dem Fotografieren habe ich eine offene Art, und daher fällt es mir leicht, mit Menschen auch beim Tanzen in Kontakt zu kommen. Beides ist kreativ. Man muss sich immer was Neues einfallen lassen und nicht einfach stehen bleiben – im wahrsten Sinne. In der Fotografie ist es so: Man arbeitet, aber irgendwann fährt man sich fest. Dann muss man neue Ideen finden. Beim Tanzen ist es auch so. Man erreicht ein Plateau, aber man kommt nicht weiter. Dann muss man es mal aufbrechen, damit es wieder weiter-, wieder vorangeht.

Und was würdest du beim Fotografieren dann machen?

Da ist es dann auch so, da würde ich einen Workshop machen. Das gibt es in der Fotografie, Online-Workshops oder vor Ort. Und das ist beim Tanzen ja dasselbe. Das inspiriert einen so dermaßen. Gar nicht mal nur die Kurse, aber auch einfach mal 300 Leute um sich herum haben, die alle dasselbe Thema super finden und einer grandiosen Band Gas geben und Spaß haben. Das ist einfach ein anderes Feeling. Wenn man das hat, dann bewegt man sich ganz anders oder macht Sachen, von denen man gar nicht wusste, dass man sie kann. Klar, wenn du dich immer vom selben Umfeld umgibst, siehst du immer dieselben Leute. Da mal andere sehen und sich neu inspirieren lassen – das gilt fürs Fotografieren und auch fürs Tanzen.

Fotografieren oder Lindy Hop, wovon würdest du lieber leben wollen?

Wenn ich vor dieser Entscheidung stehen würde, dann würde ich sie nie blauäugig treffen. Wenn ich das Gefühl hätte, ich würde davon wirklich leben können, ohne jeden Euro umdrehen zu müssen, dann vielleicht auch Lindy Hop. Selbstständigkeit ist aber nie sicher, daher würde ich erst mal beim Fotografieren bleiben. Auf Lindy Hop verzichten möchte ich aber auf keinen Fall! Lindy Hop hat einfach so viel Freude in mein Leben gebracht. Ich unterrichte aktuell vier Stunden die Woche, und es macht mir immer wahnsinnig viel Spaß.

Gibt es Tänzer, die dich besonders inspiriert haben?

Mein erster Lehrer war Felipe (Braga). Der hat mich als Lehrer schon umgehauen. Er war der erste Tänzer, den ich live habe tanzen sehen, und das hat mich schon sehr inspiriert. JB (Mino), Thomas (Blachard), Juan (Villafane) – das sind die Lieblingstänzer, die mich inspirieren. Der Stil, die Art der Bewegung, wie schön eine Bewegung in die andere geht und die Bewegungen zur Musik passen. Die Vielfalt, das Zusammenspiel mit dem Follower. Das muss gar nicht fancy sein, aber die schaffen es halt, einen Grundschritt auf 24 000 verschiedene Möglichkeiten zu machen. Wenn man die mal persönlich kennenlernt, sind die übrigens auch nervös vor Shows und Turnieren. Aber die bringen das halt toll rüber und man merkt ihnen nichts an!

Anmerkung: Das Video zeigt Felipe Braga. Der Tänzer gehört zu Tobias ersten Lehrern im Lindy Hop und hat ihn daher maßgeblich geprägt. Ein wenig sehen kann man es sogar an seiner Tanzart, finden wir!

Gibt es etwas, das du anders machen würdest, wenn du noch mal mit Tanzen anfangen könntest?

Ich hätte früher angefangen! (lacht) Ich habe ja erst mit 29 Jahren angefangen. Ich hätte lieber mit 15 angefangen, oder mit fünf wie die verrückten Schweden. Ich glaube, ich hätte nicht viel anders gemacht. Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht. Ich habe so viele Leute in kürzester Zeit kennengelernt, so viel aufgesaugt und über meinen eigenen Körper gelernt. Ich würde nicht sagen, dass ich irgendetwas anders gemacht hätte – außer halt: früher anfangen!

Wo willst du noch hin?

Jeder hat so seine Baustellen, an denen er arbeiten will, allein schon tanztechnisch. Ich will mehr lernen, ich will ein besserer Lehrer werden. Ich möchte mehr auf Workshops unterrichten, mehr Competitions tanzen und auch ein besserer Tänzer werden. Das sind zwar keine messbaren Ziele, aber: generell ein besserer Tänzer werden.

Tobias auf einer Swingveranstaltung im Café Himmelgrün beim Social Dance
Tobias beim Social Dance im Café Himmelgrün. Fotograf: Mindfest Media

Was heißt es für dich, ein Tänzer zu sein?

Neulich hatte ich in der Nachbarwohnung jemanden, der hat gearbeitet. Da war so ein Bohrhammer, der im Takt Putz von der Wand geschlagen hat. Wenn du dann anfängst, auf den Takt Schritte durchzugehen, dann sollte man sich Gedanken machen. (lacht) Wenn es einen ständig begleitet. Man schaut sich andere Tänze an, lässt sich inspirieren oder versucht, Sachen zu hinterfragen oder mehr in die Materie, auch historisch, einzuarbeiten. Wenn man das mal eine Weile macht und nicht direkt wieder aufgibt – ich glaube, dann kann man sich als Tänzer bezeichnen.

Was würdest du Anfängern gerne mit auf den Weg geben?

Habt keine Scheu! Auf Bairisch: „Scheißt eich nix!“ Das ist das Tolle am Lindy Hop, und das gilt für alles im Leben. Wenn du keine Fehler machst, dann wirst du nicht besser. Man darf auch nach zwei Stunden Tanzkurs zum Social Dance gehen und dann macht man halt den Grundschritt. So wird man besser. Man wird nicht besser und geht irgendwann zum Social Dance. Man muss zum Social Dance gehen, um besser zur werden! Ich hätte es niemals in einem Jahr zum Lehrer gebracht, wenn ich nicht ständig zum Tanzen gegangen wäre zum Üben.

Bist du eigentlich aus Augsburg?

Ich komme eigentlich aus der Nähe von Altomünster und bin dort aufgewachsen, aber ich war schon immer nach Augsburg orientiert. Ich bin aber auch viele Jahre weggewesen. Ich habe ein Jahr in Amerika meinen High-School-Abschluss gemacht, habe ein halbes Jahr in Taiwan studiert, dann war ich noch mal für einige Zeit in Australien. Jetzt ist Augsburg quasi meine Wahlheimat und ich mag Augsburg gerne.

Gibt es etwas, was man noch über dich wissen sollte?

Puh, wenn jemand was wissen will, dann soll man mich fragen. Quatscht mich einfach an und fragt mich. Und nein, Ananas gehört nicht auf die Pizza! Aber da bin ich liberal. Jeder soll das essen, was er möchte.

Verena ist professionelle Tänzerin und Yogalehrerin. Sie reist regelmäßig durch Europa und die Welt um zu Tanzen, zu Unterrichten und sich Fortzubilden. // ENGLISH // Verena is a full time dancer and yogi who travels the world to learn about bodywork, movement and body mechanics. She teaches at the Hep Cat Club in Augsburg, Germany and at international festivals and events.

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