Interview: Christin Bartholmai

Lesezeit: 15 Minuten

“Follower, denkt an euch!”

Wir sitzen im 3M vor dem Hotel drei Mohren. Christin Bartholmai hat sich einen frisch gepressten Orangensaft bestellt und es sich in einen der gemütlichen Sessel bequem gemacht. Sie ist freiberufliche Lindy Hop-, Vintage-Jazz- und Balboalehrerin im Hep Cat Club und gehört zur ersten Generation der Augsburger Swingtänzer und ist fast von Anfang an dabei. Wir sehen beide noch etwas müde aus, nachdem wir erst gestern den SWING Flashmob auf den Sommernächten performt haben. Um uns herum wird fleißig gewerkelt, denn in ein paar Stunden geht es bereits weiter auf den Sommernächten. Wir lassen uns davon nicht stören und es soll ein spannendes Interview werden. Aber lest selbst!

Christin beim SWING Flashmob 2018 Foto: Hep Cat Club

Wie bist du denn auf Swing gekommen?

Über das Studium. Ich bin nach Irland gegangen um zu studieren und wollte eigentlich Irish Dance machen. Der Unikurs war aber so rappelvoll, dass ich nach Jazz gesucht habe. Den Jazz Dance, den sie im Programm hatten, war kein Modern Jazz, wie ich ihn kannte, sondern Vintage Jazz. Die Lehrerin hat uns den Tranky Doo beigebracht. Danach hat es lange gedauert, bis ich herausgefunden hatte, was das eigentlich für ein Tanz war. Es gab dort auch keine wirkliche Weiterführung des Kurses und ich weiß nicht mal, ob es damals eine Swing Tanzszene in Galway gab. Als ich dann zurück in Deutschland war, bin ich nach langer Suche auf Charleston gestoßen und das war genau in dem Moment, wo die Swing-Tanzschule in Augsburg aufgemacht hat. Ich war gerade für einen neuen Job von Freising nach Augsburg gezogen und habe dann eine Probestunde bei Michele (Anmerkung: Michele Nardella) im Hep Cat Club gemacht und bin irgendwie hängengeblieben.

Hast du auch andere Tänze als Vintage Jazz getanzt?

Ich habe immer mit Nachdruck gesagt, ich bin eine Solotänzerin und habe daher wirklich nur mit Vintage Jazz bzw. Solo Charleston angefangen. Ich war da sehr beharrlich. In der Tanzschule gab es aber zu einem Zeitpunkt sogar einen Neo-Charleston Kurs. Das ist Ewigkeiten her. Oft stand ich da alleine mit Tommy (Anmerkung: Thomas Bachmann) und so hat er mir manchmal auch Lindy Hop beigebracht. So bin ich zu den Paartänzen gekommen. Beim Charleston habe ich auch René kennengelernt und wir haben begonnen, Lindy Hop zu trainieren. Er hat mich dann überredet Balboa auszuprobieren, obwohl ich es anfangs gar nicht so cool fand – mittlerweile liebe ich Balboa.

Warum hatte Paartanz zu Beginn keinen Reiz auf dich?

Ich glaube, das war tatsächlich einfach nur meine Balletterziehung. Ich bin ein Sicherheitsmensch. Ich mag es zu wissen, was ich tue, wie was funktioniert und gewisse Grundkenntnisse mitzubringen. Und das hatte ich im Solotanz schon immer, denn ich habe von kleinauf Kindertanz, Jazz Dance und Ballett getanzt. Ich kann beim Solotanz mit meinem Körper niemand anderen irritieren außer mich selbst. Ich will niemanden außer Takt bringen oder verwirren. Das war mir zu stressig. Ich brauche meinen eigenen Tanzraum und ich glaube, deswegen hat mich Paartanz erst nicht gereizt. Es war mir zu viel, zu unbekannt und zu verwirrend. Besonders für jemand anders, der sich auch Mühe gibt und ich kriege mich selbst noch nicht mal in den Griff.

Dann warst du ja eigentlich fast von Anfang an dabei?

Wann habt ihr aufgemacht? (lacht.) Ich glaube ich bin zwei Monate, nachdem ihr aufgemacht habt, schon bei euch gewesen. Ich kann mich noch daran erinnern, als im Unterricht von Michele die Tür aufging und Tommy und René mitten im Unterricht ein riesiges Keramikwaschbecken zur Tür reintrugen. Also ja, ich war fast von Anfang an dabei! Eigentlich tanze ich Swing aber schon seit 2007, denn in diesem Jahr habe ich in Irland mit (Vintage) Jazz Dance angefangen. Die Trainerin hatte damals gesagt sie sei in Irland die Einzige, die das überhaupt unterrichtet. Mittlerweile leitet sie in Irland eine bekannte Burlesque Gruppe. Zwischenzeitlich habe ich den Swing dann aber auch wieder verloren und in Freising in meiner alten Tanzschule erst mal mit (Modern) Jazz Dance weitergemacht.

Siehst du dich heute auch noch als Solotänzerin?

Ja, aber viel weniger als damals, weil ich meine Energie hauptsächlich in die Paartänze stecke. Das ist fast ein bisschen schade! Alles, was ich in der Tanzschule mache, ist Paartanz. Und Solotanz ist eher mein Training für zuhause. Ich finde aber eigentlich sollte man es nicht trennen. Denn als Solotänzer kann man seinen eigenen Körper sehr viel besser einschätzen. Das muss man für Paartanzen auch. Wenn ich nicht weiß, wie ich mich wann bewegen muss, dann funktioniert es mit dem Paartanzen auch nicht wirklich.

Was können die Paartänzer von den Solotänzern lernen?

Das Körpergefühl und das Wissen um den eigenen Körper. Die Solotänzer können das Hinhören auf äußere Veränderung auf den eigenen Körper von den Paartänzern lernen. Der enge Kontakt und die direkte Interaktion ist im Paartanzen stärker vertreten. Im Solotanzen ist es mehr ein Battle, der eine macht was, der andere reagiert darauf. Im Paartanzen ist es ein Dialog, da reagieren die beiden Tänzer noch mehr und direkter aufeinander.

Du hattest dich dann auch noch mal aus der Tanzschule zurückgezogen? 

Es war mir zwischenzeitlich zu viel. Ich habe den Fehler begangen zu viel Gas zu geben und irgendwann hat mich die Welle von hinten überholt, was einfach zu viel war. Daher musste ich ein wenig zurückdrehen. Ich habe es aber nie ganz los gelassen: Tanzen wird immer ein Teil von meinem Leben bleiben. Es tut einfach gut. Aus dem Alltag rauskommen, abschalten und an etwas Anderes denken. Das braucht der Mensch einfach. 

Swingtrainerin Christin mit ihrem Tänzerkollegen René auf dem Augsburger Swing- und Jazzball im Parktheater

Was ist dir beim Unterrichten besonders wichtig?

Ich liebe Technik! Technik und Körperbeherrschung, das, was ich aus meiner Solotanzhistorie mitgenommen habe. Das würde ich gerne vermitteln. Dass es nicht nur auf den Partner ankommt, sondern auch auf dich selbst. Es wird sehr leader-spezifisch unterrichtet und sehr viel darauf eingegangen. Aber der Follower ist ein eigenständiger Tänzer. Er muss selbstständig entscheiden. Ein Lead macht einen Vorschlag und was wir Follower draus machen, das ist das, was uns ausmacht. Wir sind nicht nur „Tanzgerät“. Wir können selbst Ideen umsetzen, Vorschläge annehmen, eins zu eins umsetzten, modifizieren oder etwas ganz was Anderes daraus machen. Mehr Macht den Followern, quasi! Mir ist auch wichtig, dass mehr Input für die Follower kommt. Ich habe es in meinem Werdegang so gesehen, dass mehr Single-Leader unterrichten. Das ist ok, aber es ist nicht perfekt. Mir hat immer der Input von einem Follower gefehlt. Die Tipps und Tricks, das persönliche Feedback eines Followers. Im Unterricht steht der Leader zu viel im Fokus und das möchte ich ein bisschen verschieben.

Wird das angenommen?

Das musst du die Schüler fragen. Ich hoffe schon. Im Swivels-Kurs hat ihnen das, glaube ich, schon gefallen. Da ging es sehr viel um den eigenen Körper. Wie fühlt sich welche Bewegung für mich an. Ich hoffe, dass es angenommen wird und ich hoffe, ich kann mich noch mehr in diesem Bereich einbringen.

Was macht für dich einen guten Follower aus?

Den Input eines Leads aufnehmen können und dann aber auch entscheiden wie setze ich es um. Ich muss verstehen, was er von mir erwartet, aber es auch können meine Ideen einzubringen. Selbst kreativ sein. Das macht eine gute Tänzerin aus.

Was macht einen guten Leader aus?

Freiheiten zu geben, auch folgen zu können. Führung, Moves zu initiieren, zu imitieren, aber auch zu sehen, wenn jemand kreativ sein möchte und den Raum geben können. Und dann zu sehen, wenn der Follower bereit ist für neuen Input.

Wie wichtig findest du die Wurzeln und die Zukunft der Swingtänze? Wo glaubst du entwickelt es sich hin?

Geschichte ist immer wichtig. Geschichte ist das, was uns zu dem macht, was wir jetzt sind. Ich finde, man sollte ein umfassenden Verständnis für einen Tanz, genau wie einen Menschen bekommen. Man muss kein Swinghistoriker werden wie Peter Loggins. Aber man sollte die Namen, die aufkommen, kennen, gehört haben und idealerweise ein Gesicht im Kopf haben. Was haben sie getan? Wie haben sie getanzt, wäre schon die nächste Stufe. Das wäre ein Traum. Ich denke, es wird sich weiterentwickeln wie auch bis jetzt schon. Es wird den klassischen Weg geben, das Bekannte zu bewahren; dann wird es die geben, die ihren eigenen Stil draufpacken. Die, die im Kern dem Old School erhalten bleiben, aber ihrer eigenen Geschichte treu sind und einen eigenen Stil kreieren. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich daraus noch ein neuer Tanz ergibt. Es gibt Hip Hop, Jazz Dance…und ich denke es wird mit neuen Entwicklungen weitergehen.

Wer sind deine Vorbilder?

Viele, denn jeder hat seine Vorlieben, sein Können. Alice Mei ist ein absoluter Traum – von Anfang an. Jo Hoffberg… was sie auf die Tanzfläche bringt, ist unglaublich. Frida (Segerdal), Mikaela (Hellsten), Carole (Martins)…und den Großteil habe ich sogar vergessen. Alle von denen, die momentan auf der Weltbühne unterwegs sind, sind dort aus einem Grund. Jeder von ihnen hat etwas, das man von ihnen lernen kann.

[Zusatz: Vor allem Alice Mei – die Dame im Video oben – hat es Christin angetan. Das merkte man im Interview sehr. Aber sie möchte an dieser Stelle auch noch einige weitere Follower nennen, die Swinggeschichte geschrieben haben: Jean Veloz, Jewel McGowan, Pamela Gaizutyte, Katja Završnik]

Wie würdest du gerne tanzen? Beschreibe es in drei Worten.

Kreativ. Freudig. Abwechslungsreich.

Könntest du dir vorstellen vom Tanzen zu leben?

Ja und Nein. Ja deswegen, weil es unglaublich viel Spaß macht. Nicht nur das Tanzen an sich, sondern auch weil zum Beispiel viel Orga dranhängt. Das kann ich. Nein, denn dann ist es kein Hobby mehr, sondern ein Beruf. Ich würde es aber auf alle Fälle ausprobieren. Man hat ja sehr viel mehr Möglichkeiten selbst zu bestimmen, wie man es macht, was einem wichtig ist und somit seinen Werdegang beeinflussen. Das könnte beim Tanzen tatsächlich anders sein als in anderen Bereichen.

Dein Lieblingstanz?

Das ist schwierig. Es schwankt zwischen Lindy Hop und Balboa. Je nachdem welcher Workshop mich als letztes inspiriert hat.

Was würdest du gerne Followern auf dem Weg geben, die gerade mit Swing anfangen?

Denkt an euch! Hört nicht nur auf das, was ein Leader euch als Input gibt, sondern werdet selbst kreativ. Ihr seid selbst auch Tänzer und nicht komplett angewiesen auf einen Leader. Lernt euren Körper selbst zu beherrschen und es zu genießen. Wie sieht etwas aus, wie fühlt es sich an und was gefällt mir. Für einen selbst. Das ist es für mich, was eine gute Tänzerin ausmacht.

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Wir danken Christin für das schöne Interview! Ihr könnte sie in den Kursen und Workshops im Hep Cat Club bewundern. Und natürlich gibt sie auch Privatstunden im Hep Cat Club. Sprecht sie einfach an!

Der Hep Cat Club ist die Heimat der Augsburger Swingtanz-Community. Neben wöchentlichem Unterricht, Festival und Events wartet eine ganze Menge Social Dancing in diesem wunderschönen Studio im Herzen der Stadt auf dich. Neben Swing sind wir Profis in Yoga und bieten weiteren Specials wie Jazz Dance und Ballett. // ENGLISH // The Hep Cat Club is the home of Swing Dancers in Augsburg, Germany. Classes, festivals and events and lots of social dance is waiting for your in the beautiful studio right in the heart of the city. Apart from swing we are experts in Yoga and offer specials such as Ballett and Jazz Dance as well.

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