Artikel: Ist das Tanz oder kann das weg?

Lesezeit: 15 Minuten

Gerne erinnere ich mich zurück an die US Open Swing Dance Championships 2016 in Burbank, Kalifornien. Die gesamte Showcase Division, eine Kategorie, die vor allem für ihre Akrobatiken in den Routinen bekannt ist, trug am Hauptabend mit einem gewissen liebevoll-neckischen Augenzwinkern T-Shirts mit humorvollem Slogan. Frei übersetzt stand da: “Du tanzt mit den Füßen auf dem Boden? Wie niedlich.” – Ein liebevoller Seitenhieb für die weitaus bekanntere Classic Division, bei der zu jeder Zeit der Routine eine Bein of dem Boden bleiben soll. Die Showcase Tänzer trugen stolz ihre T-Shirts während sie ihren Freunde aus der Classic Division aus voller Kehle anfeuerten.

Nicht immer verläuft es ganz so harmonisch und daher möchte ich zunächst etwas weiter ausholen:  Viele der Urgesteine der Augsburger Swingszene denken sicherlich gerne an den Swingball zurück. Die elegante Veranstaltung im Kurhaus im Parktheater Göggingen wurde von dem siebenköpfigen Swing-Ensemble “swing alive” und der damals wie heute einzigen Swingtanzschule in Augsburg als gemeinschaftliches Projekt ins Leben gerufen. Ein Tanzball sollte es sein, bei dem bewegungs- und musikfreudige Menschen für den Swing begeistert werden sollen. Viele der im Schnitt 350 Gäste kamen völlig ohne (Swing-)Tanzkenntnisse um den Flair des Balles aufzusaugen, der Musik zu lauschen und wegen des versprochenen Showprogramms in den Konzertpausen.

Und so galt es für uns als Tanzschule ein rund 45 minütiges Showprogramm auf die Beine zu stellen, dass das Publikum von den Socken reist und sie so sehr begeistert, dass sie sich direkt für ihren ersten Swingtanzkurs bei uns anmelden möchten. Die kleine Augsburger Szene studierte mit viel Unterstützung von Münchner, Ulmer und Ingolstädter Tänzern mitreißende Shows ein, aber das Training war intensiv, da der künstlerische Druck auf Seiten der Choreographen, Lehrer und Schüler groß war. Auf keinen Fall wollte man die zahlenden Gäste enttäuschen oder gar die Tanzschüler schlecht aussehen lassen, die das ja zum Hobby machten und mit ganz viel Herzblut in ihrer Freizeit dabei waren.

Es war keine leichte Aufgabe jedem Geschmack und Anspruch gerecht zu werden.

In den Folgejahren luden wir daher auch internationale Tänzer für Workshops ein, die ihrerseits zum Showprogramm beitrugen und das klappte schon deutlich besser. Die Schülershow zur Eröffnung ließen wir uns jedoch nicht nehmen. In einem Jahr wollten wir dann auch die Swingtänze etwas weiter fassen: Wir engagierten eine Gruppe von Stepptänzern und eine Rock’n’Roll-Formation um das Programm abwechslungsreich zu gestalten.

Die Stepptänzer wurden unter tobenden Applaus von der Bühne verabschiedet.

Mit ihren süßen weißen Blusen, den Hosenträgern und Knickerbocker-Hosen sahen sie todschick aus und die Show war eine Augenweide. Die Rock’n’Roll Formation sorgte dagegen bereits in der Umkleide für den ein oder anderen schiefen Blick. Als sie sich im Künstlerbereich einttanzten wunderte sich noch keiner über die orange-roten Funktions-T-Shirts. Eher über dass ausführliche Warm Up, das an ein martiales Bauch-Beine-Po Training erinnern ließ: In bester Laune wurden Liegestütz und viel Springen und Rennen auf der Stelle zum besten gegeben, wie als wäre es das normalste der Welt.

Für die Rock’n’Roller war es das auch. Und auch für mich war es kein seltsames Bild. Mit 14 Jahren begann ich mit Turniertanz im Boogie Woogie und viele der Meisterschaften wurden gemeinsam mit den Rock’n’Roll Tänzern ausgetragen. Ich liebte die waghalsigen Akrobatiken, die wahnsinnige Energie der Rock’n’Roll-Musik und auch die Leute waren mir mit ihrer bodenständigen Art und sportlich-fairen Einstellung sympathisch: Beim Rock’n’Roll gibt es ein eindeutigeres Regelwerk als bei vielen anderen Swingtänzen und das macht die Bewertung der Turnierrichter gefühlt weniger zu einer subjektiv-launischen Empfindung. Wenn der andere halt “doppelt dreht” in der Luft, dann ist er halt besser. Da gibt es nicht so viel zu meckern, lästern oder schimpfen drüber. Naja, zumindest von außen vielleicht nicht.

Die Show der Hobbyformation war mit Sicherheit mal etwas anderes.

Die Musik war modern, wie das für den heutigen Rock’n’Roll auch ein Stück weit üblich ist und es wurde teilweise zusammen, teilweise in einer Art Jam getanzt, sodass jeder seine Highlights zum besten geben kann. Viele hohe Kicks und dynamische Armbewegungen sowie Hebungen und “geworfene” Figuren, bei denen die Dame durch die Luft geschwungen wird, zeichnen den Rock’n’Roll aus. Ursprünglich hat der dynamische Swingtanz sich aus dem Boogie Woogie heraus entwickelt. Wenn man sich die älteren Generationen der heute 60 Jährigen Rock’n’Roll-Tänzer ansieht, erinnert ihr Rock’n’Roll auch tatsächlich noch sehr an Boogie Woogie, der damals ja auch Rock’Roll genannt wurde. Ein wenig lockerer getanzt, nicht ganz so hoch in den Kicks, ein wenig zugänglicher. Die waghalsigen Akrobatiken gab es aber auch schon damals.

Durch gezielte Verbandsarbeit und dem Wunsch der “olympischen Anerkennung” der Swingtänze wurde der Rock’n’Roll professionalisiert, die Technik immer mehr verbessert und optimiert. Dadurch hat sich der Tanz visuell ein gutes Stück von vielen anderen Swingtänzen entfernt und die Akrobatiken gewannen im Laufe der Zeit Überhand.

Auch auf dem Swingball konnte man hitzige Diskussionen verfolgen: “Ist das denn noch Tanz?” wurde sich zugeraunt und an vielen Stellen hörte man ein ehrlich verwirrtes: “Was machen denn die Jogger hier?”. Ich habe mich sehr darüber amüsiert, denn ich bin in beiden Welten, dem Social Dance und dem leistungssportlicher Tanz, großgeworden und zugegeben: Es ist ein schräges Bild zwischen all den schicken Vintage-Outfits die neon-orangene gekleideten Sportler zu sehen, die sich nach getaner Arbeit fröhlich und unbedarft in ihrer Tanzkleidung unter die Leute mischten.

Und so hat jeder Tanzstil auch seinen eigenen Habitus der ihn fortwährend begleitet.

Schon Aristoteles verstand unter dem Habitus das gesamte Verhalten einer Person, mitsamt Geschmack, Etikette und Gewohnheiten. Viele Soziologen griffen den Begriff auf und so verstand auch Bourdieu darunter Stil, Kleidung, ja die gesamte Persona eines Menschen und alles, dass ihn auf andere wirken lässt. Kein Wunder, dass der Habitus eines Lindy Hoppers ein anderer ist als der eines Boogie Woogie Tänzers, eines West Coast Swing Tänzers oder eines Rock’n’Roll Tänzers. Alleine schon der Kleidungsstil wird je nach Tanz ein anderer sein. Und so erkennen wir an den Unterschieden im Habitus der unterschiedlichen Tanzformen auch ein wenig was die tänzerische Identität unseres eigenen Tanzes eigentlich ausmacht, was also für uns ganz normal und selbstverständlich ist.

Und wenn Tanzen in der Gesellschaft einen höheren Stellenwert finden würde, dann würde es sicherlich auch eine Tanzsoziologie geben, die genau diesen Gegenstand genauer unter die Lupe nehmen würde. Wie sieht sich ein bestimmter Swingtänzer in der Seltbstwahrnehmung? Was ist für ihn so selbstverständlich, dass er es erst wahrnimmt, wenn er feststellt dass andere Swingtänzer sich anders wahrnehmen? Anders gesagt: Macht der Habitus den Tänzer? Und was bleibt vom Tanz wenn wir den Habitus abziehen würden?

Das bringt uns zu einer entscheidenden Frage: Was macht Tanz zu Tanz?

Frägt man die Suchmaschine Wikipedia so steht dort ganz oben: “Tanz (von : danse, dessen weitere Herkunft umstritten ist) ist die Umsetzung von Inspiration (meist Musik und/oder Rhythmus) in Bewegung. Tanzen ist ein Ritual, ein Brauch, eine darstellende Kunstgattung, eine Berufstätigkeit, eine Sportart, eine Therapieform, eine Form sozialer Interaktion oder schlicht ein Gefühlsausdruck.”. Ich persönliche würde es sogar noch ein wenig drastischer sehen und greife daher auf folgende Definition zurück: “Tanz ist Bewegung in Raum und Zeit” (Unbekannt), damit hängt natürlich auch ein gewisser Wunsch zum Ausdruck zusammen, denn ohne eine Intention, also sich durch Bewegung auszudrücken, wird es tatsächlich schwierig eine Alltagsbewegung von Tanz abzugrenzen. Noch nicht mal Musik ist in dieser Aussage entscheidend für Tanz und das finde ich beachtlich. Viele Tanzformen wie Moderner Tanz, freier Ausdruckstanz oder Contact Improvisation verzichten nämlich gänzlich auf musikalische Begleitung.

Ich möchte noch mal zurückgehen auf die entscheidende Frage: Was bleibt vom Tanz, wenn wir den Habitus abziehen würden? Bleiben Grundschritte und Figuren? Bleibt ein Musikgenre? Bleibt ein Paar- oder Solotanz? Je nachdem wie weit man den Habitus auslegt ist es wahrlich nicht viel, dass uns für die Definition von Tanz als solches noch übrig bleibt, denn alles andere ist immer auch ein Stück weit Einstellungssache. Sehe ich mich als Paartänzer? Das ist mein Habitus. Mag ich klassische Swingmusik? Habitus. Tanze ich in neon-orange-roten Funktions-T-Shirt? Habitus!

Eine bitte habe ich: Lasst uns nicht mehr darüber fachsimpeln und urteilen was Tanz ist und was nicht. Es ist Tanz wenn ich unter der Dusche beim Haarewaschen fröhlich wippe, genauso wie es Tanz ist wenn ich mich von einem Mukki-Mann Bauart Arnold Schwarzenegger zwei Meter in die Luft befördern lasse. Es ist Tanz wenn ich dabei bewertet werde und auf eine Trophäe hoffe, genauso wie es Tanz ist wenn ich stockbesoffenen in der Disco von rechts nach links taumle, wenn ich mich – um meinen Lebensunterhalt oder mein Studium finanzieren zu können – zu nächtlicher Stunde in der Rotlicht-Bar an der Stange räkle genauso wie wenn ich meinem Tanzpartner bei jedem Schritt auf die Füße trete und dabei völlig außer Takt gerate.

Lasst uns vielmehr über den Habitus reden.

Denn der ist Geschmacksache. Über den lässt sich streiten und von mir aus auch naserümpfen. Denn wenn wir die verschiedenen Tänze als solches zunächst mal als Tanz anerkennen, dann bewegen wir uns weg von einem reinen “ätschibätsch, was du machst ist gar kein Tanzen”, dass auf höchst verletzende Weise auch vermittelt: “Was du tust ist nicht richtig”. Wir respektieren andere Varianten, Facetten und Eigenarten von Tanz ohne einem Menschen mit anderem tänzerischen Habitus seine pure Existenz als Tänzer abzustreiten. Was bleibt vom Tanz wenn wir den Habitus abziehen würden? Für mich im Kern eine entscheidende Frage unserer Zeit, weit über Tanzdiskussionen hinaus.

Was ändert sich wenn wir uns stattdessen über den Habitus eines Tanzes unterhalten? Zunächst einmal respektieren wir die Verschiedenartigkeit von verschiedenen Tanzformen und erkennen sie grundsätzlich jedoch als Tanz an. Hier geht es um Respekt anderen Tänzern und anderen Tänzen gegenüber. Im zweiten Schritt vergleichen wir und stellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten fest. Wir vergleichen die kulturellen, geschichtlichen und musikalischen Strömungen, die Herkunft, die Entwicklung die Zukunft verschiedener Tänze. Wir vergleichen Umgangsformen, Regeln, Verhaltensweisen, Sprache, Kleidung, Status.

Wir finden einen Dialog in dieser analytischen Arbeit. Und vielleicht finden wir auch Verständnis für das eigene und das andere, denn jetzt wissen wir wo es herkommt. Wir brauchen keine Angst mehr haben vor dem anderen, wir können uns vielleicht in einer anderen Tanzwelt sogar mit mehr Leichtigkeit bewegen ohne sofort selbst als “anders” wahrgenommen zu werden. Dadurch lernen wir uns besser kennen, nicht nur den anderen. Und schließlich lernen wir zu begründen was uns gefällt, was wir am Tanzen lieben, was uns ausmacht, worauf wir stolz sind. Wir können als tänzerische Persönlichkeit reifen und mehr Verständnis aufbringen für das andere. Wir lernen wer wir sind, wer wir nicht sind. Und wir lernen dieses Recht auch allen anderen zuzugestehen.

Und so bin ich dankbar für die Verwirrung, die diese Rock’n’Roll Formation auf dem Swingball vor einigen Jahren gestiftet hat. Sie sorgte für die Würze in unserem Showprogramm, ein wenig Farbe – vor allem orange –  und regte unsere noch junge Augsburger Swingszene an sich mit ihrer eigenen Identität auseinanderzusetzen.

 

Verena ist professionelle Tänzerin und Yogalehrerin. Sie reist regelmäßig durch Europa und die Welt um zu Tanzen, zu Unterrichten und sich Fortzubilden. // ENGLISH // Verena is a full time dancer and yogi who travels the world to learn about bodywork, movement and body mechanics. She teaches at the Hep Cat Club in Augsburg, Germany and at international festivals and events.

2 Responses

  1. Ich finde, liebe Verena, Du bringst es auf den Punkt.
    Tanzen ist so viel mehr als sich nur auf den Takt der Musik zu bewegen.

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