Portrait: Nicole Clonch

Lesezeit: 10 Minuten

Die europäische Swing Szene kennt die Größen ihres Tanzes von Festivals und Events oder aus Youtube. Bekannt sind vor allem diejenigen, die über den großen Teich zu uns fliegen. Ein Star der Szene war zu jung um schon gebucht zu werden und ist deshalb außerhalb ihres Landes wenig bekannt. Das wird sich nun ändern.

Am Anfang dieser Woche rasten immer und immer wieder die selben Bilder über mein Facebook. Es sind die einer junge Frau, blondierte, glatte Haare, ein auffällig hübsches Gesicht, eine schlanke muskulöse Figur. Es ist der Werbetrailer der amerikanischen Show “So You Think You Can Dance”, bei der begabte Tänzer ähnlich wie bei “Deutschland sucht den Superstar” oder “Let’s Dance” gecastet werden. Die besten der besten dürfen Woche für Woche ihr Können unter Beweis stellen. Und die zu meisternden Tänze sind vielseitig: Contemporary, Latein, Standard, Swing, Hop Hop, Steppen – Wer gewinnen will, der muss alles perfekt beherrschen und einige der weltbesten Choreographen und Größen im US-amerikanischen Showbusiness von sich überzeugen.

Es gibt eine Teilnehmerin, die das schaffen könnte. Die Frau in dem Episoden-Trailer von SYTYCD, wie das Fernsehformat kurz genannt wird, heißt Nicole Clonch und ist 20 Jahre alt. In einer spektakulären Routine wird sie von ihrem Partner, Benji Schwimmer, der die Show bereits vor einigen Jahren gewonnen hat und damit so berühmt geworden ist, dass er Gerüchten nach einige Zeit lang einen Bodyguard benötigte, in rasantem Tempo gedreht, geworfen und gehoben. Für den Laien ist es ein Spektakel, dass er so bestimmt noch nicht gesehen hat.

Die Jury scherzt nach der Audition ob Ihr Tanzpartner nochmal antreten möchte, frägt dann doch noch nach ob sie auch etwas andere könne als Swing. Sie sei ausgebildet in Ballet, Jazz, Modern, Hip Hop, Latin, Ballroom, ach und Steppen könne sie auch. Ein bisschen zumindest”. Der direkte Zugang zum Semifinale ist ihr schon längst sicher. Der Rest wirkt eher wie ein freundliches Geplauder.

Für viele Menschen der Community ist sie damit zur Heldin des West Coast Swing aufgestiegen, denn durch ihre Teilnahme an der Show kann sie als Botschafterin für diesen Tanz ganz Amerika durch das Fernsehen erreichen. Doch wer ist diese junge Tänzerin, von der keiner wirklich viel wusste bevor sie durch die sozialen Medien über Nacht berühmt wurde?

Aufgewachsen in Redlands, Kalifornien begann Nicole bereits mit drei Jahren zu tanzen und mit fünf Jahren trainierte sie Paartanz. Von Anfang an lernte sie in Buddy Schwimmers Dance Center von den Besten der Besten. Buddy selbst ist eine bekannte Größe der amerikanischen Tanzszene, der bereits für Kinoproduktionen choreographierte und als Dozent auch in Deutschland und Europa gastierte. Noch heute schwärmt er von den Nürnberger Würsten und Sauerkraut, denn die mochte er auf seinen Reisen besonders gern. Viele der heutigen Champion-Level Tänzer wurden maßgeblich von ihm gecoacht und geprägt.

Inspiriert von den begabten Tänzern die in seinem Studio ein und ausgingen, hatte Nicole schon früh große Ziele, doch für Kinder war es in diesem Tanz nicht immer leicht.  Sie bemerkte einmal wie schwierig es damals für sie in der West Coast Swing Community war, denn nicht jeder fand es gut, dass Minderjährige sich im Stile des West Coast Swing bewegten.  Buddy Schwimmer gehörte schon immer zur den Gegnern dieser These und sein Engagement und Herzblut gilt bis heute besonders der Förderung der nächsten Generation.

Mit 14 Jahren tanzte Nicole in der All Star Division und reiste viele Wochenenden durch Amerika um zu tanzen. Zu Events und Wettkämpfen begleitet sie ihre  Zwillingsschwester, ebenfalls eine aufstrebende Tänzerin der All Star Division und ihr Tanzpartner Christopher Dumond mit dem sie von 2012 bis 2014 die Young Adult Division auf der US Open gewann.

Doch die junge Frau will mehr. Sie gewinnt die N.A.S.D.E All Star 2014 Tour und die Golden Ticket Tour und trainiert im Jahr 2015 innerhalb von 9 Tagen eine Routine für die Showcase Division mit Benji Schwimmer, ihrem ehemaligen Coach und Vorbild, ein. Sie trainieren spät in der Nacht wenn das Studio frei ist und versuchen tagsüber zu schlafen. Da passiert es: Nicole verletzt sich bei einer Hebung und prellt sich eine Rippe. Ihr Arzt rät ihr für mindestens einige Tage zu pausieren, doch für die ambitionierte Tänzerin kommt das so kurz vor dem wichtigsten Turnier der Saison nicht in Frage.  Sie tanzt weiter, obwohl sie kaum Luft bekommt.

Im entscheidenden Moment merkt man ihr nichts an und sie gewinnt gemeinsam mit ihrem Tanzpartner die US Open Swing Dance Championships in der Showcase Divsion. Für ihn ist es ein weiterer von vielen Titeln, für sie ist es die Welt! Und auch in den folgenden Jahren wird sie die US Open an Benji Schwimmers Seite gewinnen.

Doch Nicole reist nicht mit ihrem berühmten Tanzpartner nach Europa um zu unterrichten wie es viele andere US Open Gewinner tun würden. In dieser Hinsicht bleibt die Tanzpartnerschaft ganz platonisch. Sie trainieren zusammen und tanzen Routines zusammen um damit an Wettbewerben anzutreten – Doch unterrichten werden die beiden nicht miteinander. Sie möchten eigene Wege gehen, unabhängig voneinander bleiben. Genau das verfolgt Nicole nun durch ihre unerwartete Teilnahme bei So You Think You Can Dance.

Nach dem überwältigenden Glückwünschen und Kommentaren über die sozialen Medien ist es lange ruhig geblieben um Nicole Clonch. Doch einige Tage nach der Veröffentlichung ihres Videos, das mittlerweile schon 50000 Aufrufe erhalten hat, gibt sie ein Statement zu ihrer Teilnahme ab, in dem sie auch zum ersten Mal ihre chronische Erkrankung erwähnt, mit der sie zu kämpfen hat:

“The immense gratitude I feel goes beyond words. Because of the hardships my condition has put me through, I never thought I’d be strong enough to audition for So You Think You Can Dance. I still deal with the many trials my thyroid disease puts me through, but now I don’t let it determine my fate. My dream was to be on that stage; ever since watching Benji on it. I never thought I would be lucky enough to share that stage with him! This is the greatest thing I could have ever asked for. Thank you so much to Benji, Laurie, Lacey, Hannah, Mom and Dad, and everyone else (you know who you are) who had the faith in me that motivated me to go for it. You have no idea how much I appreciate you. #sytycd #partnerdance #modernswing#westcoastswing #hashimotosdisease #thyroiddisease”

Ein West Coast Swing-Märchen mit Happy End? Noch nicht. Mein Gefühl sagt mir, dass wir von dieser zielstrebigen Künstlerin noch einiges hören (und sehen) werden. Ich wünsche es ihr vom Herzen!

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Übrigens: Nicole war im Jahr 2014 bereits in Augsburg mit ihrem damaligen Partner Christopher Dumond auf dem Swingball zu Gast um zu tanzen und zu unterrichten. Damals war sie 16 Jahre alt und das erste mal in Europa. Das Foto zum Artikel zeigt sie bei ihrer Social Demo.

 

Verena ist professionelle Tänzerin und Yogalehrerin. Sie reist regelmäßig durch Europa und die Welt um zu Tanzen, zu Unterrichten und sich Fortzubilden. // ENGLISH // Verena is a full time dancer and yogi who travels the world to learn about bodywork, movement and body mechanics. She teaches at the Hep Cat Club in Augsburg, Germany and at international festivals and events.

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