Artikel: Sind Turniere überflüssig?

Lesezeit: 15 Minuten

Ein Bekannter hat mir mal gesagt, dass er an Jack & Jill Turnieren gar nicht um der Turniere willen mitmacht, sondern einfach um ein besserer Tänzer zu werden. Besserer Tänzer im Social Dance, weil man Turniere tanzt? Der Zusammenhang war mir jedenfalls nicht auf Anhieb klar. Seit unserem Gespräch bin ich mit der Zeit aber auf viele, viele Gründe gestoßen, die mich davon überzeugt haben, dass er damit goldrichtig liegt.

Auf den meisten großen West Coast Swing Events gibt es ein offizielles Turnier und man kann davon ausgehen, dass mindestens 60% der Event-Teilnehmer auch am Turnier teilnehmen werden. Natürlich gibt es auch viele, die nicht am Turnier teilnehmen. Vielleicht einfach weil man daran keine Spaß hat und den Mehrwert nicht sieht. Genau hier möchte ich mit diesem Artikel einhaken. Die meisten tanzen West Coast Swing weil es ein toller Social Dance ist. Das finde ich auch und das ist für mich auch der mit Abstand wichtigste Grund West Coast Swing zu tanzen. Ich denke es gibt aber gute Gründe Turniere in Erwägung zu ziehen, gerade wenn einem viel am Social Dance liegt, denn es forciert Fähigkeiten, die im Social Dance unerlässlich sind. Um aber den Wert dieser Fähigkeiten und das spezielle Training im Turnierformat schätzen zu können müssen wir erst mal wissen welche Fähigkeiten das sind. Daher erst mal ein kleiner Ausflug in den Aufbau und die Bewertungsgrundlagen der Jack & Jill Turniere.

Im wichtigsten Turnierformat, dem Jack & Jill (J&J) meldet sich jeder Tänzer alleine als Leader oder Follower an und tanzt dann mit unterschiedlichen, zugelosten Partnern auf Lieder, die vorher nicht bekannt gegeben werden. Das macht es für viele Hobbytänzer möglich und attraktiv dort mitzumachen. Die Tänzer werden in den Vorrunden als Individuen beurteilt. Das heißt, die Wertungsrichter überlegen nicht ob sie ein bestimmtes Paar, sondern welche einzelnen Tänzer sie im Finale sehen wollen. Das heißt natürlich nicht, dass man in den Vorrunden Solotänzer ist und eine Soloshow abzieht. Das erste Bewertungskriterium heißt Teamwork. Dabei geht es erst mal um die Fairness mit dem eigenen Partner, den anderen Tänzern auf der Tanzfläche und auch den Wertungsrichtern und dem Publikum. Wie in jedem Sport, wer foult bekommt die rote Karte, was im J&J dann eine schlechte Platzierung bedeutet. Mit Fouls ist hier aber nicht nur so etwas gemeint, wie z.B. anderen Paaren in den Slot oder in das Publikum reinzutanzen, sondern z.B. auch Augenrollen, wenn man nicht den gewünschten Partner gezogen hat. Das ist ein Foul am eigenen Partner und wird von Wertungsrichtern auch negativ bewertet. Steigt das Level erstreckt sich Teamwork immer mehr auch auf das gemeinsame, miteinander Tanzen, also die Fähigkeit einen Dialog zu kreieren. Ein Tänzer, der offensichtlich „egoistisch“ tanzt kommt daher auch nicht ins Finale. Schafft man es ins Finale bekommt man dann einen Tänzer der anderen Rolle zugelost, der sich ebenfalls fürs Finale qualifiziert hat. Jetzt bewerten die Richter die Tänzer als Paar, die dann gemeinsam platzieren. Bis hierher sind alle Level vom niedrigsten, dem Newcomer-Level, bis zum höchsten, dem All-Star-Level, gleich.

Der Unterschied der Level liegt jetzt natürlich im Können der Tänzer. Man muss in einem Level eine bestimmte Punktzahl sammeln, also immer wieder höhere Platzierungen erreicht haben, um dann im Level darüber antreten zu dürfen. Z.B. bedarf es 16 Novice-Punkte um im Intermediate-Level antreten zu dürfen. Dadurch steigt natürlich das durchschnittliche Tanzniveau mit dem Level. Obwohl es keine hochoffizielle Liste an Fähigkeiten gibt, die von den Wertungsrichtern zwingend herangezogen werden müssen gibt es doch eine Anzahl an Fähigkeiten, die beachtet und je nach Level dann stärker herangezogen werden sollen. Eine kleine Warnung: Das genaue Verständnis und die Definition dieser Fähigkeiten sind Gegenstand ewiger Debatten und liegen daher auch im Fluss der Zeit. Daher biete ich keine abschließende Definition. Auch wann genau welche Fähigkeit anzusetzen ist, ist fließend, liegt im Ermessen der Wertungsrichter und orientiert sich durchaus an deren persönlichen Präferenzen. Meine Einteilung unten hat nicht den Anspruch auf abschließende Richtigkeit und soll nur einen Eindruck vermitteln auf was die Wertungsrichter so alles schauen werden.

Ganz am Anfang, ist — Teamwork vorausgesetzt — erst mal Timing wichtig. Grob gesagt bedeutet Timing den Körper im Takt und Rhythmus der Musik zu bewegen. Danach kommt Technique hinzu, die Fähigkeit feinmotorische Bewegungen im West Coast Stil präzise und wiederholt abzurufen. Zunächst reichen diese drei Fähigkeiten, auch T’s genannt, aus. Umso höher das Level, umso mehr kommt Musicality hinzu, also die Fähigkeit spezifische Eigenarten wie Stil, Breaks oder Lyrics des Liedes zu treffen und zu vertanzen. Noch einmal später und auch in erhöhtem Maße umso höher das Level, tritt Showmanship hinzu. Das ist vor allem dann der Fall wenn das Finale im Spotlight getanzt wird — also nur ein Paar auf der Tanzfläche ist. Dann wird erwartet, dass die Tänzer das Publikum in den Tanz einbinden. Das fängt damit an, dass sie sich zum Publikum hin ausrichten. Showmanship geht soweit, dass Tänzer damit spielen auf das Publikum zuzugehen und deren Gestik das Publikum in den Tanz hinein holt. Das Wort „Showmanship“ erzeugt oft Naserümpfen, weil mancher darunter egoistisches Tanzen und „nur eine Show“ versteht. Aber mal ehrlich, Tanzen ist eine Show! Wir wollen als Tänzer und als Publikum unterhalten werden. Wenn das kein legitimes Ziel ist, dann weiß ich nicht, warum überhaupt jemand tanzt. Und man beachte, Teamwork kommt vor Showmanship! Damit sollte klar sein, dass eine Einmannshow immer ungewünscht ist.

Über alle Level hinweg kann man noch sagen, dass in den Vorrunden eher das „saubere“ Tanzen der drei T’s im Vordergrund steht. Im Finale (umso höher das Level, umso mehr) geht es darum mit Musicality und später Showmanship Momente zu kreieren, die in Erinnerung bleiben, und zwar positiv! Der schönste One-Foot-Spin ist völlig vergebens, wenn er keinen Zusammenhang mit der Musik hat und ist sogar schädlich wenn man am Ende die Balance verliert.

All die oben genannten Fähigkeiten (außer vielleicht Showmanship) sind diejenigen, die man auch benötigt um einen guten Social Dance zu haben. Daher kann man sagen, dass es im J&J darum geht den besten Social-Dancer zu küren. Der, der den schönsten Tanz aus drei Minuten Lied mit einem fremden Partner herauskitzelt, der hat gewonnen.

Wie hilft mir das aber weiter, wenn mein Ziel gar nicht das Turnier tanzen selbst ist? Kann man nicht einfach Social-Dance ohne Turnier machen? Ja, definitiv! Aber das Turnier kann einem wertvolle, kaum ersetzbare Erfahrung einbringen, die uns eben als Social-Dancer deutlich weiter bringen können.

Die Reihenfolge der oben genannten Fähigkeiten folgt natürlich einer gewissen Logik. Ohne Teamwork können wir gar nicht erst zusammen Tanzen. Ohne Timing wird es mit der Technique schwer. Ohne die drei T’s ist Musicality nicht umzusetzen. Ohne Musicality ist Showmanship eine Farce. Jetzt sollte man daraus aber nicht herauslesen, dass man eine „spätere“ Fähigkeit erst erlernen dürfte, wenn die vorige vollständig gemeistert wurde. Tanzen lernen findet in einem Zyklus statt, bei dem man immer wieder auf die selben Sachen, aber auf immer höherem Niveau zurück kommt. Auch nachdem man mit Musicality angefangen hat muss man immer wieder Timing, Technique und Teamwork bearbeiten. Aber Timing ist so fundamental, dass man durchaus davon ausgehen darf, dass dieses erst ein gewisses Niveau erreicht haben muss, damit Technique auch einigermaßen funktioniert. Das Gleiche gilt für Musicality, wofür die drei T’s auf einem gewissen Niveau sein müssen. Und das gleiche gilt wiederum für Showmanship.

In Sachen Musicality möchte ich von einer Situation erzählen, die vielen Sicher vertraut ist. Ich war einmal in einem Novice-Finale wo sich direkt neben mir abspielte, was man in Novice immer wieder beobachten kann. Der Leader neben mir ist voll abgegangen. Ich bin mir sicher, er glaubte musikalisch zu sein. Er wollte alles treffen, was die Musik zu bieten hat. Was kam natürlich zu kurz? Alles! Kein Timing — es war eher rumgehampel als Tanz, völlig aus dem Takt. Keine Technik — er hat an seinem Follower rumgezerrt, wie sich das niemand wünschen kann und West Coast Swing war das nur sehr bedingt. Kein Teamwork — sein Follower hat natürlich nichts von dem verstehen können, was er ihr tänzerisch mitteilen wollte. Egal ob Turnier oder nicht, das will doch keiner erleben! Keine Frage, Musicality war schon da, nur in keiner Form, die als Paartänzer irgendeinen Mehrwert bringt. Ideal wäre gewesen, wenn er mit seiner Partnerin die drei T’s umgesetzt, sich dann zwei, drei Momente rausgesucht und mit diesen geglänzt hätte. 

Den Begriff „Moment“ muss man hier auch wörtlich nehmen. Tänze haben eine Spannungskurve, die Höhepunkte haben. Umso schöner sie vorbereitet sind umso besser ist der Höhepunkt, der auch nur einen „Moment“ dauert. Gerade diese tollen Momente richten sich nicht nur als Show an Zuschauer, sondern sind für die Tänzer ein Wahnsinnserlebnis. Was gibt es besseres als ein Social-Dance mit zwei, drei großartigen Momenten, die man in Erinnerung behält? Um auf Turnieren erfolgreich zu sein muss man sich zwingen darauf zu achten. Man muss sich also dazu bringen ein guter Social-Dancer zu sein. Wenn einem dieses Kunststück unter Druck auf einem Turnier gelingt, dann sollte es ein leichtes sein diese Fähigkeiten auf dem Social-Dance-Floor anzuwenden. Anstatt, dass eine Nacht an Social-Dances so dahinplätschert und man mit Glück zwei, drei Momente über mehrere Stunden kreiert, kann man auf einem Turnier lernen zwei, drei Momente pro Lied erschaffen. Damit vervielfacht sich das tänzerische Erlebnis jeder Party.

Um den Kreis zu schließen komme ich nochmal auf das Teamwork zurück. Teamwork ist zwar erstmal die grundlegende Einstellung, dass wir nicht foulen. Aber die Fähigkeit Teamwork wird als Dialog der Partner in höheren Leveln immer ausgefeilter um als Team ein gemeinsames Werk zu schaffen. Die Missachtung des Teamworks hat auch schon vielen, bis hinauf in das All-Star-Level, den Sieg gekostet. Teamwork ist also niemals ausgelernt, es wird nur immer feiner und subtiler! Hinzu kommt, dass die Besonderheit des J&J-Formats einen Partner zugelost zu bekommen, regelmäßig die Situation erzeugt, dass die Niveaus der Partner unterschiedlich sind. Hier besteht die Kunst darin — ganz im Sinne des Teamworks — mit Tänzern anderen Niveaus, einen ebenso schönen Tanz zu haben wie mit Tänzern mit gleichem Niveau. Die Richter sehen sich genau an, ob der bessere Tänzer seinen Partner einfach nur rumzerrt um sein Ding zu machen. Auch und gerade bei unterschiedlichem Niveau ist die Fähigkeit gefragt, gemeinsam im Team, Momente zu kreieren. Wer die Einstellung hat, dass jeder Tanz der beste sein könnte und die dazu notwendigen Fähigkeiten aufbietet, hat in einem Turnier große Chancen erfolgreich zu sein und noch größere Chancen aus jedem Social-Event einen Erfolg für sich und alle anderen Tänzer zu machen.

Jetzt endlich kann die ursprüngliche Frage auch beantwortet werden. Um es kurz zu fassen: Ein Social-Dancer sollte die Gelegenheit ergreifen bei einem Turnier teilzunehmen, weil die Turnierteilnahme seine Fähigkeit steigert, Momente zu kreieren. All die Fähigkeiten, die wir für ein Turnier in besonderem Maße forcieren müssen, sind genau die, die wir für die Schaffung dieser Momente im Social Dance auch brauchen.

Angesichts der geringen Zusatzkosten kann ich jedem Event-Teilnehmer nur empfehlen dieses Training mitzunehmen. 10 bis 15 Euro mehr sind bei einem Event nicht der Rede wert wenn es um eine hervorragende Chance geht ein besserer Tänzer zu werden. Entgegen beliebter Gerüchte wird mit der Turniergebühr auch kein Reibach gemacht. Der größte Teil der Kosten für ein Turnier wird durch die Event-Passes gedeckt. Wer an einem Turnier also nicht teilnimmt verzichtet daher auf eine Dienstleistung, für die er weitgehend schon bezahlt hat. Etwas anderes ist es natürlich wenn man nur für das Turnier auf ein Event fahren würde. Dann ergibt sich eine andere Kosten-Nutzen-Rechnung.

Zu guter Letzt sei nochmal gesagt, dass es natürlich kein Muss ist an Turnieren teilzunehmen um ein guter Social-Dancer zu sein! Wenn man einfach keinen Spaß daran hat, dann lässt man es lieber sein. Ich hoffe nur, dass dem einen oder anderen klar wird, was für eine Chance für das eigene Tanzen sich hinter einer Turnierteilnahme verbirgt. Warum nicht Chancen ergreifen wenn sie auf einem Silbertablett serviert werden?

Nach vielen Jahren Standart/Latein hat Otmar seine Leidenschaft für die Swing-Tänze gefunden und konzentriert sich besonders auf West Coast Swing. Heute unterrichtet er im Hep Cat Club. // ENGLISH // After many years of Ballroom, Otmar found his Passion for Swing-Dances and is especially entrenched with West Coast Swing. He teaches at the Hep Cat Club.

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